Die Vermählung der Gräfin Marie Raineria Waideck mit Prinz Enrico Lucchesi Palli von Campofranco war nicht nur die Verbindung zweier bedeutender Familien. Die zeitgenössischen Berichte vermitteln zugleich ein eindrucksvolles Bild davon, wie eng die Tochter Erzherzog Heinrichs von Österreich trotz ihrer Geburt aus einer morganatischen Ehe mit dem österreichischen Kaiserhaus verbunden blieb.
Besonders deutlich wird dies bereits an der Wahl der Trauzeugen. Für die Braut fungierten die Erzherzoge Ernst und Rainer von Österreich als Trauzeugen. Auf Seiten des Bräutigams übernahmen diese ehrenvolle Aufgabe der König beider Sizilien, in der zeitgenössischen Berichterstattung auch als König von Neapel bezeichnet, sowie der Herzog von Parma. Damit standen dem jungen Paar bei der Eheschließung Repräsentanten der Häuser Habsburg, Bourbon Sizilien und Bourbon Parma zur Seite.
Nach der Trauung begaben sich die höchsten Herrschaften gemeinsam mit dem jungen Ehepaar und den geladenen Gästen zu einem intimen Déjeuner in das Palais Erzherzog Rainers.
Erzherzog Rainer erhob dort das Glas auf die Gesundheit der Neuvermählten und brachte in wenigen, bewusst knapp gehaltenen Worten einen Toast auf das junge Paar aus. Weitere Ansprachen und Toaste unterblieben. Der Grund hierfür war die noch bestehende Halbtrauer in der Familie der jungen Prinzessin.
Dieser Hinweis der zeitgenössischen Presse ist von besonderer Bedeutung. Hinter der festlichen Hochzeit stand für Marie Raineria noch immer der Verlust ihrer Eltern. Die junge Braut hatte sowohl ihren Vater, Erzherzog Heinrich von Österreich, als auch ihre Mutter Leopoldine, Baronin von Waideck, verloren und trat als Waise vor den Traualtar.
Erzherzog Rainer und Erzherzogin Marie als zweite Eltern
Einen ungewöhnlich persönlichen Einblick gibt der zeitgenössische Bericht in das Verhältnis Marie Rainerias zu Erzherzog Rainer und dessen Gemahlin Erzherzogin Marie.
Die verwaiste Gräfin hatte, wie es ausdrücklich heißt, in dem erzherzoglichen Paar "zweite, liebende und geliebte Eltern" gefunden. Während der acht Monate vor ihrer Hochzeit hatten Rainer und Marie ihre Nichte so sehr ins Herz geschlossen, als wäre sie ihr eigenes Kind.
Besonders hervorgehoben wurde die mütterliche Fürsorge Erzherzogin Maries bei der Vorbereitung der Hochzeit. Sie überließ die Ausstattung ihrer Nichte offenbar keineswegs allein Hoflieferanten, Bediensteten oder einer Hofdame, sondern kümmerte sich persönlich um deren Zusammenstellung.
Nach dem Bericht wählte Erzherzogin Marie jedes einzelne Stück der Ausstattung selbst aus und zeigte große Freude, wenn die bestellten Gegenstände "schön und gediegen" geliefert wurden.
Für die Geschichte der Brautausstattung und der Hochzeitsjuwelen Marie Rainerias ist diese Nachricht außerordentlich interessant. Sie zeigt, dass ihre Ausstattung unter unmittelbarer persönlicher Aufsicht einer österreichischen Erzherzogin zusammengestellt wurde. Die Hochzeitsgeschenke und Juwelen - siehe nächste Seite- der jungen Gräfin sind daher auch im Zusammenhang mit dieser engen Einbindung in die kaiserliche Familie zu betrachten.
Der Berichterstatter ging sogar so weit, von dem "schönen Traum" des kinderlosen erzherzoglichen Paares zu sprechen, durch die Nichte gleichsam ein eigenes Kind gefunden zu haben. Auch nach der Hochzeit sollte diese enge Verbindung fortbestehen. Erzherzog Rainer und Erzherzogin Marie planten, einen beträchtlichen Teil des Jahres gemeinsam mit ihrer nunmehr fürstlichen Nichte zu verbringen.
Die Familiensoirée am Vorabend der Hochzeit
Bereits am Montagabend vor der Vermählung hatte im Palais Rainer eine intime Familiensoirée zu Ehren der Braut stattgefunden. Sie dauerte von halb neun bis zehn Uhr.
Marie Raineria erschien zu diesem familiären Abend nicht in einer aufwendigen Hofrobe, sondern in einem einfachen taubengrauen Seidenkleid. Die zeitgenössische Schilderung hebt ihre "ungezwungene Liebenswürdigkeit" und ihre "mädchenhafte Anmuth" hervor, mit denen sie die anwesende Gesellschaft für sich eingenommen habe.
Die Bezeichnung als intime Familiengesellschaft darf allerdings nicht über den außerordentlichen Rang der Anwesenden hinwegtäuschen. Was innerhalb des Hauses Habsburg und der verwandten Dynastien als familiärer Kreis galt, vereinte Mitglieder mehrerer europäischer Herrscherhäuser und zahlreiche Vertreter des österreichischen und italienischen Hochadels.
Neben Erzherzog Rainer und Erzherzogin Marie sowie dem Brautpaar waren unter anderem Erzherzogin Elisabeth und die Erzherzoge Albrecht Salvator, Friedrich, Wilhelm und Ernst anwesend.
Von besonderer Bedeutung war die Anwesenheit des Königs beider Sizilien. Ebenso gehörten Herzog Robert von Parma und Herzogin Antonia von Parma mit Prinzessin Maria Luisa zu den Gästen.
Aus dem italienischen Hochadel werden unter anderem Herzog Adinolfo und Herzogin Lucrezia della Grazia Ruffo mit ihren Töchtern Maria, Carolina und Gabriella sowie den Söhnen Carlo und Pietro genannt. Anwesend waren außerdem Herzog Carlo Alberto d'Arsoli mit Don Francesco und Don Fabrizio Massimo, Conte Roberto und Contessa Gabriella Zilari Massimo, Altgraf Georg und Altgräfin Bianca Salm Dyck della Grazia sowie Herzog Carlo und Herzogin Leopoldina Caracciolo de Castagneto Ruffo.
Auch Conte Beppo und Contessa Luisa Sarah Mazzarino Lanza Ruffo, Conte Conti, Graf und Gräfin Ledochowski, Gräfin Mathilde Thun Nostitz und weitere Angehörige des österreichischen und italienischen Adels gehörten zur Gesellschaft.
Hinzu kamen Mitglieder des Hofstaates und des militärischen Umfeldes, darunter der Obersthofmeister Baron de Vaux mit seiner Gemahlin, die Hofdamen Gräfin Hunyady, Gräfin Daun und Baronin Trauttenberg, Generalmajor Baron Kopal, Baron Philipp Walterskirchen, Oberlandesgerichtsrat Dr. Basilio Giannellia, Oberst Ernst von Chambaud Charrière und Oberst Castaldo.
Allein diese Gästeliste zeigt, welchen gesellschaftlichen Rang die Hochzeit Marie Rainerias besaß. Die Tochter aus der morganatischen Ehe Erzherzog Heinrichs wurde keineswegs außerhalb des dynastischen Familienkreises verheiratet. Ihre Hochzeit fand vielmehr in einem Umfeld statt, in dem Angehörige des österreichischen Kaiserhauses mit Vertretern der Bourbonen von Sizilien und Parma sowie des italienischen Hochadels zusammentrafen.
Auch die musikalische Gestaltung der Familiensoirée war keineswegs dem Zufall überlassen worden.
Die Tafelmusik spielte die Kapelle des k.u.k. Infanterieregiments Nr. 19 unter der Leitung des bekannten Militärkapellmeisters und Komponisten Alfons Czibulka. Erzherzog Rainer hatte das Musikprogramm mit, wie die Quelle ausdrücklich hervorhebt, "liebevollem Interesse" persönlich zusammengestellt.
Auf dem Programm standen der "Jonathan Walzer" von Carl Millöcker, die "Stefanie Gavotte" von Alfons Czibulka, von Czibulka arrangierte Phantasien über Melodien Franz Schuberts, der Walzer "Rundgesänge" von Johann Strauss, Czibulkas "Pensées hongroises", ein Potpourri Wiener Volkslieder von Karel Komzák sowie "Grüß Euch Gott!" aus Carl Zellers Operette "Der Vogelhändler".
Das Konzert fand nach dem zeitgenössischen Bericht allgemeinen Beifall. Erzherzog Rainer sprach Kapellmeister Czibulka anschließend persönlich seine Anerkennung aus.
Hinter der Wahl Alfons Czibulkas verbarg sich zugleich eine bemerkenswerte Verbindung zur Familiengeschichte der Braut.
Vierundzwanzig Jahre zuvor hatte derselbe Musiker als Kapellmeister des Infanterieregiments Nr. 17 in Bozen dirigiert. Damals leitete Czibulka jene Serenade, die am Vorabend der Hochzeit von Marie Rainerias Eltern, Erzherzog Heinrich von Österreich und Leopoldine Hofmann, der späteren Baronin von Waideck, dargebracht worden war.
Fast ein Vierteljahrhundert später erklang unter seiner Leitung nun erneut Musik anlässlich einer Hochzeit dieser Familie, diesmal für die Tochter des damaligen Brautpaares.
Für die inzwischen elternlose Marie Raineria muss diese Verbindung eine besondere Bedeutung gehabt haben. Während Erzherzog Rainer und Erzherzogin Marie die Rolle ihrer verstorbenen Eltern übernommen hatten, erinnerte die Musik des Hochzeitsabends zugleich an die Vermählung von Erzherzog Heinrich und Leopoldine.
Noch am Nachmittag des Hochzeitstages verließen Prinz Enrico und Prinzessin Marie Raineria Campofranco Waideck Wien mit dem Courierzug der Westbahn.
Ihre Reise führte zunächst nach Linz und anschließend weiter nach Tirol und in die Schweiz. In Zell am See sollten die Neuvermählten wieder mit Erzherzog Rainer und Erzherzogin Marie zusammentreffen. Auch dies zeigt, wie eng der Kontakt zu ihren erzherzoglichen Ersatzeltern unmittelbar nach der Hochzeit blieb.
Für den Herbst war eine Reise von besonderer persönlicher Bedeutung vorgesehen. Marie Raineria und ihr Gemahl wollten in Bozen das Grab ihrer Eltern besuchen.
Anschließend sollte das Ehepaar seinen Aufenthalt zwischen Bozen und Palermo teilen. Damit verband sich auch geographisch die Herkunft der Braut mit der Welt ihres Gemahls: das Tiroler und österreichische Umfeld ihrer Familie auf der einen Seite und die sizilianische Heimat des fürstlichen Hauses Lucchesi Palli von Campofranco auf der anderen.
Die zeitgenössische Hochzeitsberichterstattung zeichnet damit ein bemerkenswert persönliches Bild der jungen Prinzessin. Hinter dem Glanz einer Verbindung, bei der Erzherzöge, ein König und ein Herzog als Trauzeugen fungierten, stand eine junge Frau, die ihre Eltern früh verloren hatte. Ihre Hochzeit wurde deshalb zugleich zu einem Familienereignis, bei dem Erzherzog Rainer und Erzherzogin Marie sichtbar die Stelle der verstorbenen Eltern einnahmen.
Gerade die persönliche Beteiligung Erzherzogin Maries an der Auswahl der gesamten Brautausstattung macht die überlieferten Hochzeitsgeschenke und Juwelen Marie Rainerias zu besonders interessanten Zeugnissen dieser ungewöhnlichen Verbindung zwischen dem österreichischen Kaiserhaus und dem fürstlichen Haus Lucchesi Palli von Campofranco.
The marriage of Countess Marie Raineria Waideck to Prince Enrico Lucchesi Palli of Campofranco was celebrated in the presence of an exceptional gathering of the Austrian Imperial Family and members of the former royal houses of Naples and Parma.
The witnesses for the bride were Archduke Ernst and Archduke Rainer. The bridegroom was represented by the King of the Two Sicilies and the Duke of Parma, an indication of the close dynastic connections surrounding the marriage.
Following the ceremony, the newly married couple and their distinguished guests proceeded to the Palais Rainer for an intimate déjeuner. Archduke Rainer proposed the health of the bride and bridegroom in a brief toast. No further toasts were given because the family of the young princess remained in half mourning.
Later that afternoon Prince Enrico and Princess Marie Raineria of Campofranco Waideck left Vienna by train. Their wedding journey was to take them first to Linz and then through Tyrol to Switzerland. At Zell am See they were expected to meet Archduke Rainer and Archduchess Marie. In the autumn the couple intended to visit the grave of Marie Raineria's parents in Bolzano before dividing their time between Bolzano and Palermo.
A Bride Under the Protection of Archduke Rainer
The contemporary account gives a particularly touching insight into Marie Raineria's position within the Imperial Family. Orphaned before her marriage, she had found in Archduke Rainer and his wife Archduchess Marie what the newspaper described as second, loving parents.
During the eight months preceding the wedding, the Archducal couple had grown deeply attached to their niece and treated her almost as their own child. Archduchess Marie took a particularly personal interest in the preparation of the bride's trousseau. According to the contemporary report, she selected every piece herself and took great pleasure when the commissioned articles arrived beautifully and solidly made.
This detail is especially significant when considering Marie Raineria's wedding jewels and bridal gifts. Her trousseau was not merely arranged formally by the Imperial household. It was prepared under the personal supervision of an Archduchess who had assumed an almost maternal role in the young bride's life.
The Family Soirée at Palais Rainer
On the Monday evening before the wedding, Archduke Rainer and Archduchess Marie hosted an intimate family soirée at Palais Rainer. Marie Raineria appeared in a simple dove grey silk gown and was praised by the contemporary correspondent for her natural charm and youthful grace.
The gathering illustrates the remarkable dynastic circle into which the young Countess was received. Among those present were Archduchess Elisabeth, Archdukes Albrecht Salvator, Friedrich, Wilhelm and Ernst, the King of the Two Sicilies, Duke Robert and Duchess Antonia of Parma with Princess Maria Luisa, as well as numerous members of the Italian and Austrian aristocracy.
Music was provided by the band of the 19th Infantry Regiment under the direction of Alfons Czibulka. Archduke Rainer had personally chosen the programme, which included works by Millöcker, Strauss, Zeller and Czibulka.
There was also a remarkable connection with the bride's own family history. Twenty four years earlier Czibulka, then bandmaster of Infantry Regiment No. 17 in Bolzano, had conducted the serenade given on the eve of the wedding of Marie Raineria's parents, Archduke Heinrich of Austria and Baroness Leopoldine Waideck.
Thus the music accompanying Marie Raineria's wedding celebrations quietly recalled the marriage of her parents a generation earlier, adding an unusually personal note to a wedding that united Habsburg family connections with the princely House of Lucchesi Palli Campofranco.
Quelle:Das Vaterland,Archive Ursula Butschal;